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Miriam in Jerusalem, Israel

August 2012 bis Juni 2013 und August 2013 bis Oktober 2014

"Was mich meine Auslandserfahrung gelehrt hat: Meine Einstellung ist manchmal das einzige das ich in dieser Welt verändern kann!"

Name: Miriam Griell
Alter: 26
Wohnort: Hohenems und Jerusalem, Ain Karem



Wann und wo warst du im Ausland?
August 2012 - Juni 2013 in Jerusalem, Israel…und…seit August 2013 - Oktober 2014 schon wieder in Jerusalem
Generelles: Minimale Aufenthaltsdauer: ab 5 Monaten
Visum muss vor der Einreise abgeholt werden

Warum warst du im Ausland?
Nach einem abgebrochenen Judaistik Studium, planloser Herumreiserei und 8 Jahre darauf  einem Ergotherapie-Abschluss, bin ich doch noch in der Heiligen Stadt gelandet. So wie ich das zu Beginn meines Studiums über die Kultur, Literatur und Sprache des Judentums vorhatte. Nur eben nicht als Übersetzer, als Kurator oder Lehrkraft, sondern als Freiwillige in einem Heim für schwerstbehinderte Kinder.

Wie bist du auf das Projekt gekommen?
Gefunden habe ich St. Vincent auf einer Seite für Therapeuten im Ausland. Kurzerhand beworben, Zusage bekommen, Flug gebucht, und nach meinem Abschluss als Ergotherapeutin ging es los. Schon während der Ausbildung habe ich schwerstbehinderte Kinder betreut, war aber trotzdem sehr gespannt und etwas aufgeregt. Therapie konnte ich leider nur sehr wenig machen, wurde dafür aber von einem Tag auf den anderen sowas wie eine Ersatzmama für die 4 Kinder, die ich im Heim betreute.

Das Heim
In St. Vincent leben rund 60 schwerst- und mehrfach behinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Jüngste ist mit ihren 3 Jahren schon längst dabei sämtliche Herzen zu erobern, dicht gefolgt von den Teenager-Jungs, die mit Vorliebe Kusshände schicken und ihre neuesten technischen Geräte bewundern lassen, wie z.B. das neue iPad von Papa. Denn obwohl die Kinder hier leben, heißt das nicht, dass die Eltern weit weg sind. Manche von den Eltern kommen regelmäßiger zu Besuch als andere.
Die offizielle Arbeitssprache in St. Vincent ist Englisch. Meistens hört man Arabisch, ein kleines bisschen Hebräisch und sämtliche andere Sprachen - je nachdem woher die anderen Freiwilligen stammen.
Die Kinder und Jugendlichen allerdings sind die wahren Sprachgenies. Mindestens 3 Sprachen verstehen sie alle, wenngleich nur eine Handvoll sprachlich auf Fragen reagiert. Die meisten sprechen nicht, können aber in Arabisch, Hebräisch und Englisch mitverfolgen, worum es geht. Dann gibt es auch noch Ayat. Ein Mädchen, das zusätzlich teilweise Italienisch und Deutsch versteht. Ich wäre ja schon mit den ersten 3 glücklich und zufrieden...

Geleitet wird das Heim von Nonnen. Die Jüngste um die 64, die älteste jenseits der 75…
Das Heim lebt von der Förderung des Staates, Sponsoren und Freiwilligen. Obwohl Israel das westlichste Land im nahen Osten ist, kann man den Standard keinesfalls mit dem unseren vergleichen, und man ist immer wieder überrascht, wie manche Dinge gehandhabt werden.

Was hast du vor Ort gemacht?
Der Arbeitsalltag als ‘Ersatzmami’:
6:30 Uhr: Tany, meinen Kleinsten und mit seinen 9 Jahren der Jüngste, duschen, anziehen und ihn an sein Essen anschließen, das er durch eine Magensonde zu sich nimmt.
Mit Tany den Tag zu starten, ist das Beste was passieren kann. Denn auch wenn ich noch ganz verschlafen in das Zimmer der 4 Kids reinkomme, ‘lächelt’ mich Tany trotz kortikaler Blindheit mit seinen braunen, großen Augen an, grinst und gurrt vergnügt vor sich hin: einfach immer wieder herzerweichend.
Danach sind Osher, Rahel (beide 21 Jahre junge Mädels) und Jonathan (13) an der Reihe. Rahel und Jonathan gebe ich auf normale Art zu essen. Soweit es normal ist, dass ich für Jonathan meist 45 min. brauche, bis er seine Portion gegessen hat. Aber Geduld ist eine Tugend. Zumindest wurde mir das gesagt. Und ich kann ehrlich sagen, dass er mir dabei ans Herz gewachsen ist, trotz durchlebter Frustrationen, wenn er auch nach 45 min. noch kaum gegessen hatte.
Um 9 Uhr sollten die Kinder allerspätestens in der Schule sein. Zu meinem Glück ist die Schule direkt außerhalb des Heims und so schaffe ich es nicht zu spät zu sein - einfach nur durch den Korridor, kurz durch die Tür ins Freie und zu den einzelnen Schulklassen, Miniübergabe mit den Lehrern und bis später! Die Wäsche und den Raum ordentlich halten geht auch noch, bevor es für mich zum Frühstück geht und ich meine freie Zeit bis um 15:00 Uhr genießen kann.

Dann nämlich sehe ich meine Kinder wieder. Ich richte sie her, hole sie aus dem Bett und setze sie in den Rollstuhl, gebe ihnen was zu trinken und kleine Snacks und auf zum spaßigen Teil: Nachmittagsaktivität! Entweder es gibt ein Konzert, Besuch von irgendwelchen Unterhaltern, eine Aktivität vom Heim aus, einen Ausflug oder die meiste Zeit überlege ich mir eine eigene Idee: Massagen, Snoezeln, Gartenaktivität, alles was die Zeit und Kreativität erlaubt.
(„Snoezelen" ist ein Begriff der aus den Niederlanden stammt. Damit wird eine Freizeitaktivität beschrieben, in der alle Sinne angesprochen werden sollen, mit dem Ziel entspannend und erholend zu wirken. Dies wird vor allem in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung verwendet.)

Ab 17 Uhr beginnt schon die Abendroutine. Die ersten werden Bettfertig gemacht und das Abendessen kommt. Wenn alle Zähne geputzt sind und alle im Bett liegen, mache ich noch ein kleines individuelles Programm. Osher liebt es, wenn ich ihr den Rücken kraule oder sie sanft massiere. Durch ihren Rundrücken und ihre spastischen Arme bekommt sie tagsüber oft nicht viel Entspannung. Aber bei kleinen Streicheleinheiten kichert sie glücklich glucksend vor sich hin. Um 19 Uhr ist Ablöse und mein Arbeitstag ist vorbei.

Hast du Insidertipps/Sehenswürdigkeiten/etc?
Von denen gibt es genügend. Auch solche, die man in der Pause zwischen 9 und 15 Uhr abhaken kann.
- Altstadt (Shouk, Grabeskirche, Klagemauer und und und...)
- Mehande Yehuda (großer Obst & Gemüse Markt. Besonders spannend am Freitagmorgen)
- Mea shearim (ultra-orthodoxes Viertel; nur mit bedeckten Armen u. Beinen betreten, kein Ausschnitt)
- Hezekias Tunnel (Sachen, die nass werden dürfen, mitbringen)
- Spaziergang auf der Altstadt-Mauer
- und wenn man mal Heimweh hat: österreichisches Hospiz in der Altstadt mit original Apfelkuchen und Sachertorte, sowie Wiener Dialekt bei Bedienung und Rezeption, Dachterrasse mit super Ausblick
- BYU Universität am Mt.Scopus: Jeden Sonntagabend klassische Konzerte, Eintritt frei, wunderschöner Ausblick auf Jerusalem

Außerhalb Jerusalem:
- Ramallah, Betlehem, Hebron (in Hebron: als Tourist die einmalige Gelegenheit, sowohl die jüdische Seite, als auch die arabische Seite des Patriarchengrabs zu erleben. Weltenunterschied!!! Wichtig: Pass nicht vergessen!
- Sattaf Nationalpark: trampen oder von Ain Karem aus hinlaufen
- Trail of Israel: einfach mal durch Israel von Norden nach Süden oder umgekehrt wandern
- Makhtesh Ramon: Krater in der Negev Wüste; Alpaca Farm bietet Ausritte an
- Tagestrips nach Jordanien, Petra sowie Ägypten, Kairo sind möglich, solange man 3-4 Tage frei hat.

Transport
Mit den Egged Bussen kommt man in ganz Israel preisgünstig herum. Von der Central Bus Station fahren die meisten Überlandbusse weg.
RavKav Karte in CBS machen: Vergünstigung Straßenbahn und den Jerusalemer Stadtbussen (kaufe den 10erBlock, zahle 9 Fahrten). Einfach Pass und Adresse mitnehmen.
Nur trampen ist günstiger. Trampen in Israel ist verbreitet und zu Tageszeiten kein Problem. Trotzdem generelle Sicherheitsmassnahmen einhalten und lieber übervorsichtig sein.

Übernachtungen
Es gibt immer wieder die Möglichkeit bei Hostels für ein paar Stunden putzen gratis zu wohnen.
Besonders empfehlenswert in den Sommermonaten ist das Citadel Youth Hostel in der Jerusalemer Altstadt. Dort kann man dann für ca. 40-50 Shekel auf dem Dach schlafen und den Sternenhimmel sowie den wunderschönen Sonnenaufgang bewundern. Und den Muezzin erlebt man auch hautnah.

Wie sah es mit den ungefähren Kosten aus?
Flüge nach Tel Aviv, Ben Gurion Airport von Zürich oder München: Je nach Saison ab 400-500 Euro
Busfahrt von Jerusalem nach Tel Aviv und zurück: 38 NIS (ca. 8 Euro)
Busfahrt ans tote Meer und zurück: 68 NIS (ca.14 Euro)
Falafel: 15-20 NIS (4 Euro)
Grosse Wasserflasche: 10 NIS (2 Euro)
Einzelticket Jerusalem (gültig für 1.5 St.): 6.60 NIS (1.20 Euro)
Shampoo: 20 - 30 NIS (4-6 Euro)!!!!
Kaffee und andere Getränke im Cafe: 20 - 25 NIS (4-5 Euro)

Hast du etwas verdient?
Es gibt ein kleines Taschengeld von ca. 700 NIS (je nach Wechselkurs ca.130 Euro) pro Monat.

Nützliche Internet- oder Kontakt-Adressen?
www.therapeuten-international.de/jobben/freiwilligenarbeit-und-praktika

www.svaka.org

www.egged.co.il

www.Couchsurfen.com

www.airbnb.com

In wie weit hat dich deine Auslandserfahrung verändert?
In St. Vincent arbeitet man mit Christen, Juden und Moslems; mit Israelis, arabischen Israelis, palästinensischen Arabern, Libanesen, Deutschen, Franzosen, Amerikanern und anderen Freiwilligen aus sämtlichen Ländern der Erde. Gesprochen wird Arabisch, Französisch, Hebräisch, Englisch und wenn es sein muss (und es muss oft sein) mit den Händen.
Mit Nonnen, mit Physios, mit Buchhaltern, mit Müttern und Vätern,...
Das Einzige, wirklich Einzige, das wir gemeinsam haben, ist unsere geographische Lage und die Kinder, die sich ins Herz einschleichen. Herausforderung? Würde ich so sagen...

Wie hat mich meine Auslandserfahrung verändert? Ich würde gerne sagen können, dass ich geduldiger, vollkommen tolerant und ein Pro dabei bin, mit Feingefühl mit den vielen unterschiedlichen Menschen hier umzugehen. Aber das alles bin ich noch am lernen.
Der Gedanke, der mich aber immer wieder einholt, ist, wie wichtig Respekt und Anerkennung sind. Alle brauchen Respekt und Anerkennung. Und ich kann diejenige sein, die den Menschen in meiner Umgebung diese Gefühle entgegen bringt.
Mit 13 wollte ich Medizin studieren und krebskranke Menschen heilen und so nebenbei die Welt verändern. Was mich meine Auslandserfahrung gelehrt hat: Meine Einstellung ist manchmal das einzige das ich in dieser Welt verändern kann! Und das ist schon eine ziemlich große Errungenschaft!

Und jetzt?
Nach meinem Jahr als Freiwillige in St. Vincent bin ich wieder zurück! Zurück in diesem verrückten Land, mit all seinen Herausforderungen und Schönheiten. Dieses Mal als Ergotherapeutin. Jetzt ist es meine Aufgabe das Vormittagsprogramm der jungen Erwachsenen (alle ab 21), der Schulabgänger, zu planen und durchzuführen.
Es gibt Jacuzzi, Snoezeln, Physiotherapie, wir haben sogar eine Papierwerkstätte aufgemacht, in der wir Papier recyceln und Grußkarten herstellen, machen kleine Kochstunden, planen ein Gartenprojekt und hoffentlich kommt bald unser Filzprojekt in Gang!
Und dieses Mal warte ICH auf Freiwillige, die Lust darauf haben auf ihr eigenes verrücktes Abenteuer in St. Vincent. Denn… so insgeheim…. will ich immer noch die Welt verändern…. und wer weiß, mit ein paar mehr helfenden Händen ist die Welt der Kinder in St. Vincent vielleicht bald doch noch weltbewegend verändert!

 

Noch Fragen?
Schreib Miriam eine E-Mail: m.griell@gmail.com